Standort Münsingen mit Breithülen und Feldstetten.Nach mehr als 110 Jahren hat sich Ende 2005 das Militär aus Münsingen (Baden-Württemberg) verabschiedet. Aus „Schwäbisch Sibirien”, wie die Soldaten die Region seit 1895 nannten. Dort pfeift einem heute noch der Wind gnadenlos um die Ohren und lässt die Quecksilbersäule des Thermometers in den Wintermonaten weit unter den Gefrierpunkt sinken. Mehrere Generationen Soldaten des Kaiserreichs, der Reichswehr, der Wehrmacht, der Bundeswehr und ausländischer Verbände konnten davon ein Lied singen.

Millionen Soldaten haben in elf Jahrzehnten mehr oder weniger lang einen Teil ihrer militärischen Laufbahn auf der Alb verbracht: auf dem Truppenübungsplatz, in einem der vier Lager in Münsingen und Feldstetten,  im Remontedepot Breithülen beziehungsweise in den daraus entstandenen militärischen Einrichtungen wie Herzog-Albrecht-Kaserne, Mobilmachungsstützpunkt und Gerätehauptdepot.

Die Geschichte dieser vielen militärischen Anlagen und der  Standortverwaltung sind in dem Buch „Letzter Appell im Schwäbisch Sibirien” in eigenen Kapiteln mit mehr als 500 Fotos und Abbildungen beschrieben.

Den größten Umfang nimmt der Übungsplatz ein, der 1895 gegründet  und Ende 2005 geschlossen wurde. Die Geschichte Münsingens ist eng mit der Geschichte des rund 6.700 Hektar großen Areals verbunden. Mit dem Bau Ende des 19. Jahrhunderts begann der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt. Neue Handwerks- und Industriegebiete entstanden, die Infrastruktur wuchs zunehmend. Die Bahnlinie auf die Alb ist ebenfalls den Soldaten zu verdanken.

Letzter Appell in Schwäbisch Sibirien.Ein Kapitel widmet sich Gruorn. Das 650 Seelen zählende Dorf wurde 1937 auf Befehl der Nationalsozialisten anlässlich der Vergrößerung des Truppenübungsplatzes geräumt. Heute stehen neben der Schießbahn 12 nur noch die Stephanus-Kirche und das ehemalige Schulhaus.

Ausführlich ist auch die Zeit zwischen 1945 und 1992 beschrieben, als die Franzosen die Hausherren des Übungsplatzes und des Alten Lagers waren. Während dieser Zeit schauten immer wieder hochkarätige Politiker wie zum Beispiel der französische Staatspräsident Charles de Gaulle, die Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Strauß, Kai Uwe von Hassel, Georg Leber, Gerhard Schröder, Helmut Schmidt und Manfred Wörner sowie die Bundespräsidenten Heinrich Lübke und Karl Carstens vorbei.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr außer Dienst, Wolfgang Schneiderhan, Schlagersänger Bernd Clüver,  Ex-Bundespräsident Horst Köhler und Wüstenfuchs Erwin Rommel sind einige prominente Zeitgenossen, die im vergangenen Jahrhundert ihre Grundausbildung dort absolviert haben.

In Breithülen wurden während der beiden Weltkriege junge Pferde im Remontedepot für die Militärs ausgebildet. Zwischendurch diente das Areal als Erholungsheim für Kinder. 1961 machte die Bundeswehr einen Mobilmachungsstützpunkt daraus, der 2005 geschlossen wurde. 

Das Lager Feldstetten ließ das Württembergische Kriegsministerium 1916 errichten. 30 Jahre später standen nur noch die Grundmauern, da die Bevölkerung die Baracken nach dem Zweiten Weltkrieg abbaute und als Baumaterial verwendete. 1975 kam wieder Leben auf das ehemalige militärische Gelände. Die Bundeswehr errichtet dort das Gerätehauptdepot, das Ende 2007 ausgemustert wurde.

Aufgelöst ist auch die Standortverwaltung, die zeitweise mit knapp 500 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber auf der Mittleren Alb war. Von der ehemaligen Herzog-Albrecht-Kaserne ist heute nichts mehr zu sehen. Inzwischen sind alle Unterkünfte und Hallen abgerissen. In der Münsinger Parksiedlung, wie das Gelände inzwischen heißt, stehen knapp 200 Ein- und Zweifamilienhäuser.

Den ehemaligen Truppenübungsplatz, das heutige Herzstück des Biosphärengebietes Schwäbische Alb, können jetzt Spaziergänger und Radfahrer auf ausgewiesenen Wegen erkunden (siehe Wanderkarte).